Welche Sprache spricht man in der Ukraine?

von Anna Moenikes

Vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Ereignisse, stellen sich immer mehr Menschen die Frage, welche Sprache nun eigentlich in der Ukraine gesprochen wird. Ich habe das Glück, mit einem wundervollen Ukrainer aus Kiew liiert zu sein und habe in der Vergangenheit oft mitbekommen, dass mein Umfeld ihn – mal mehr, mal weniger wohlwollend- als Russen bezeichnet hat. Irgendwie war das da im Osten ja auch mal alles Sowjetunion. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben mehr Deutsche die Landkarte studiert und dieses Missverständnis scheint erstmal ausgeräumt.

Dabei verstehen die meisten Ukrainer sich durchaus als Brudervolk der Russen und verzehren gerne sowohl die russischen “Pelmeni” als auch die typisch ukrainischen “Wareniki”. Ich denke die kulturelle und geopolitische Verbindung der beiden Länder kann in Bezug auf Deutschland am ehesten mit unserer Nähe zu den Niederlanden in Verbindung gebracht werden. Ähnlich verhält es sich mit der Sprachverwandtschaft. Russisch ist in der Ukraine sehr weit verbreitet. Dabei wird vor allem in der Hauptstadt Kiew von ihren rund 3 Millionen Einwohnern Russisch gesprochen. Auch die größeren Radiokanäle liefen, meinen Beobachtungen nach, zumindest vor dem Krieg auf russischer Sprache.

Nach dem Fall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der Ukraine wurde im Jahr 1991 Ukrainisch als Landes- und alleinige Amtssprache festgelegt. Fast alle bis dahin russischsprachigen Schulen wurden in Ukrainischsprachige umgewandelt. In Kiew und im Osten und Süden der Ukraine war jedoch Russisch weiterhin die vorrangig gesprochene Sprache. Untersuchungen um das Jahr 2012 zeigten, dass rund 40-50% der Ukrainer angab, dass Russisch ihr Mutter- bzw. bevorzugte Sprache sei. Daraufhin wurde 2012 Russisch in 9 Bezirken der Ukraine als zweite Amtssprache eingeführt. Auch mein Mann und seine Familie sind russische Muttersprachler, beherrschen jedoch auch die ukrainische Sprache hervorragend. Im Zuge der Zuspitzung des “Ukraine-Konflikts” wurde im Jahr 2019 ein Sprachengesetz verabschiedet, mit dem Ziel der Förderung der ukrainischen Sprache, die vor allem verbindlich von Beamten während der Ausübung ihrer dienstlichen Pflichten verwendet werden sollte. Die dreijährige Übergangsfrist ist im Januar 2022 ausgelaufen und das Gesetz wurde in den russischen Medien oftmals mit einem “Verbot der russischen Sprache” gleichgesetzt.

Bei einer Reise in die Karpaten merkte ich plötzlich, dass sich die Sprachmelodie veränderte und ich trotz vertrauter Klänge noch weniger verstand als sonst. Das war natürlich bevor ich Tatjanas Kurse besucht habe. Ich erkannte ein ständig wiederkehrendes ”..treba…” und “…ne treba…”. Als ich meinen Mann darauf ansprach, entgegnete er, dass er mit dem Eintritt in die ländlichen Gebiete auf Ukrainisch gewechselt habe und das häufig verwendete “Treba/ne treba” hieße so viel wie brauchen/nicht brauchen. Interessanterweise versteht mein Mann durch seine ukrainischen Sprachkenntnisse ausgezeichnet Polnisch. Polnisch und Ukrainisch seien wie Niederländisch und Deutsch. Man versteht die grundsätzliche Richtung, feilt an einer möglichst authentischen Aussprache und verpasst aber leider die Details des Gesprächs

Russen scheinen Ukrainisch jedoch nicht zu verstehen. Es verstehen und sprechen also fast alle Ukrainer Russisch, andersherum klappt es leider nicht. Auch die Aussprache einiger typisch ukrainischer Wörter stellt Russen (und andere “Ausländer”) vor eine Herausforderung. Dies ist so sprichwörtlich, dass bereits während des Zweiten Weltkriegs Spione dadurch überführt wurden, dass sie bestimmte Wörter aussprechen sollten. In Putins Krieg sind aus diesen Wörtern bekannte Memes geworden, die das Internet überschwemmen. Darunter z.B. das Wort „Paljanyzja“ [ein Leib Brot], welches in den russischen Medien oft fälschlicherweise mit “Erdbeere” übersetzt wird und das Wort лохина, welches Blaubeere bedeutet. Die Ukrainer können mit Hilfe dieser Wörter, die Ausländer zwangsläufig falsch aussprechen oder nicht kennen, russische Soldaten und Saboteure schnell überführen.

Das deutschlandweite Interesse, die ukrainische Sprache zu lernen ist seit Kriegsbeginn rasant angestiegen und ich kann das eben aufgrund der Fluchtbewegung und auch der Schönheit der ukrainischen Sprache absolut nachvollziehen. “Meine” Ukrainer sprechen jedoch alle Russisch. Also werde ich weiterhin an meinem Plan festhalten, zunächst Russisch, die Muttersprache meines ukrainischen Mannes zu lernen. Trotz allem entstandenen Leid und unfassbarem Unrecht, welches durch Putins Krieg zwischen den Brudervölkern der Russen und Ukrainer entstanden ist, vertraue ich auf die Fähigkeit der Menschen zwischen Sprache und Aggressor zu differenzieren. Für mich ist die Sprache in erster Linie ein verbindendes Element und ich bete und hoffe täglich auf Frieden und dass mir der Zugang zur russischen Sprache hilft, zu Menschen beider Völker eine Verbindung aufzubauen.

Mehr Geschichten, Landestipps und Rezepte rund um unsere ukrainisch-deutsche Familie findest du auf: www.falkenundadler.de – Dein Ukraine-Blog!

(Quelle Fotos für Collage: Canva.com)

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