Wer braucht jetzt Russisch zu lernen?

Aufgrund der politischen Situation in der Welt bekomme ich diese Frage fast täglich, oft in beleidigender Art und Weise. Klar, Propaganda läuft im vollen Gang. Aber mal ehrlich, was glauben nur die Leute, wenn sie so was schreiben?

Glauben sie im Ernst, dass nach dem, was jetzt die Politiker veranstaltet haben,

– müssen sich alle Deutschen mit russischsprachigen „zweiten Hälften“ (aus Russland, Kasachstan, Ukraine, Weißrussland, Moldawien und alle andere Postsowjetische Länder) sofort scheiden lassen und eigene Kinder ins Waisenhaus stecken, weil sie Russisch können?

– müssen die Leute nur den Ukrainern helfen, die die Muttersprache Ukrainisch haben und nicht Russisch? Vor allem, wenn man bedenkt, dass für fast die Hälfte der Ukrainer Russisch ihre Muttersprache ist und russischsprachige Ukrainer überwiegend aus dem Kriegsgebiet stammen? Sogar Selenskij selbst hat Ukrainisch als Fremdsprache vor fünf Jahren angefangen zu lernen.

– Oder soll man den deutschen Kindern, die in der Schule Russisch als erste, zweite oder dritte Sprache jahrelang hatten, die Schulaufgaben jetzt auf Chinesisch geben? Uff …

Es ist schade, wenn die Menschen in der aufgezwungenen Aggression nicht nur die Liebe zum Nächsten vergessen, sondern auch den gesunden Menschenverstand verlieren.

Und trotzdem. Warum und wer lernt zur Zeit Russisch, der Propaganda entgegen?

Nun, schlüsseln wir es auf.

Mein Mann und ich reisen oft in verschiedene Teile Deutschlands. Ob wir uns in der Stadt, auf dem Land, im Schwimmbad, am Strand oder in einem Geschäft befinden, überall hören wir ständig Russisch. Und das ist keine Überraschung. Laut Statistik spricht etwa jeder zehnte Mensch in Deutschland, mehr oder weniger, Russisch. Nicht schlecht, oder?

Woher kommen denn so vielen russischsprachigen Menschen in Deutschland?

1. Der größte Teil davon sind die Aussiedler oder, mit anderen Worten, deutsche Volkszugehörige: 1,5 Millionen. Ich will nicht bestreiten, dass die Großeltern ihre deutsche Sprache vor langer Zeit noch bewahrt haben, aber ihre Kinder und Kindeskinder (die einen deutschen Pass haben und in der Statistik nicht mitgezählt werden) sprechen größten Teils untereinander auf Russisch.

Ihre Kinder besuchen samstags sogenannte russische Schulen, und ihre Ehemänner oder Ehefrauen besuchen Russischkurse. Natürlich nicht alle, aber viele 🙂 Sie wollen doch verstehen, um was es geht, wenn die Mama oder Papa mit dem Kind oder mit den Freunden Russisch spricht 🙂

2. Juden. Ein paar Hundert Tausend. Und auch Kinder und Kindeskinder, die ebenfalls Russisch sprechen. Genauso besuchen Kinder russische Schulen und Ehepartner – russische Kurse.

3. Seit der Perestroika hat sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland entwickelt, Business- und Privatkontakte wurden gepflegt. Außerdem wurde es populär, sich eine Frau in Russland zu suchen. Die meisten Paare blieben in Deutschland und hatten dann selbstverständlich irgendwann mal Kinder. Als Russsichlehrerin für zweisprachige Kinder kann ich sagen, dass es viele solcher Familien gibt und dass die Kinder in solchen Familien nicht perfekt, aber oft sehr gut Russisch sprechen. Und sie lernen Russisch in „russischen Schulen“. Und Erwachsene … meistens die Papas, die Ihre Kinder und Frau verstehen wollen, aber nicht von der Frau belehrt werden wollen :), suchen die Russischkurse auf …

4. Zu dieser Perestroika-Zeit verfielen alle Institute und Universitäten in Russland über Nacht. Es war unmöglich, als Spezialist zu arbeiten. Hochschulabsolventen verkauften Wodka, um überhaupt etwas zu verdienen. Von der anderen Seite herrschte in Deutschland damals und auch heute noch ein großer Mangel an Spezialisten. Es war kinderleicht, eine Stelle hier zu bekommen als Arzt, Ingenieur, Wissenschaftler, Programmierer usw… Viele hoch qualifizierte Spezialisten kamen damals nach Deutschland. Manche verheiratet, manche fanden hier später ihre Seelenverwandten. Wieder wurden zweisprachige Kinder geboren … und … das wissen Sie schon …

5. In den letzten Jahren hat Deutschland die Visabestimmungen für die Ukraine gelockert. Obwohl man immer noch ein Arbeitsvisum benötigte, war es für einen Ukrainer leicht genug, hierherzukommen, um eine Arbeit zu suchen. Viele nutzten diese Gelegenheit und zogen nach Deutschland um. Nach meinen persönlichen Statistiken lernen bei mir Russisch etwa 50 % Kinder, deren Eltern aus Russland kommen (meistens Spätaussiedler), 30 % sind ukrainische Kinder (die Muttersprache ihrer Eltern ist Russisch), und die übrigen 20 % Kinder kommen aus Kasachstan, Belarus und anderen postsowjetischen Ländern.

6. Wer spricht noch in Deutschland Russisch? Die Deutschen selbst, natürlich.

Laut Spiegel: Im Schuljahr 2020/21 entschieden sich 94.000 Kinder und Jugendliche für Russisch. Also, das heißt, dass jetzt fast ein Hundert Tausend Kinder jedes Jahr Russisch als Fremdsprache wählen! Im Schuljahr 1992/93 (erst nach DDR) hatten bundesweit 565.100 Schülerinnen und Schüler Russisch in der Schule gelernt, die meisten davon in Ostdeutschland. Jedes Jahr! Eine halbe Million! Rechnen Sie selbst, wie viele Millionen Deutsche Russisch können. Na gut, nicht alle hatten gute Noten in der Schule 🙂 Aber trotzdem! Und … später ist die Sprache selbstverständlich langsam in Vergessenheit geraten. Aber viele finden es schade und suchen einen Russischkurs auf, um ihre Sprachkenntnisse zu erfrischen.

7. Manche Menschen brauchen Russisch für ihre Arbeit. Aber es gibt auch eine große Gruppe von Deutschen, die von Russland, russischem Volk und der russischen großzügigen Seele begeistert sind, Eremitage besuchen wollen oder nach Sibirien mit einem transsibirischen Zug reisen wollen, oder den Baikalsee mit eigenen Augen sehen wollen … Und keine politische Situation samt Propaganda können sie ihrer Träume berauben.

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Eine Meinung zu “Wer braucht jetzt Russisch zu lernen?

  1. Ich finde es wunderbar, liebe Frau Lyapin, dass Sie diesen Kurs eingerichtet haben und nicht aufgeben – gerade in der aktuellen Situation – beharrlich Interessenten zu werben. Ich bin selbst seit 40 Jahren Russischlehrerin, habe mein Slawistik-Staatsexamen 1981 nach einem einjährigen Teilstudium, wie es in der DDR möglich war, in Minsk absolviert. Bis vor 5 Jahren habe ich Russisch unterrichtet und ca. 10 Jahre lang wechselseitige Schüleraustausche zwischen Schülern meiner Schule und Gymnasiasten aus Petrosawodsk/Karelien organisiert. Es war für die Schülerinnen und Schüler immer ein Erlebnis und eine Bereicherung, das Leben der „Anderen“ durch direkte Familienkontakte kennen zu lernen.
    Aber dann hat meine Direktorin – „Russophobie“ könnte ihr 2. Vorname sein – den Russischunterricht als 2. Fremdsprache an unserem Gymnasium abgeschafft – gegen meinen und den Protest vieler Eltern. Viele ehemalige Schülerinnen und Schüler meiner Schule haben bis heute noch Kontakt zu ihren damaligen Gastfamilien und auch ich bin mit den Petrosawodsker Lehrerinnen immer noch eng befreundet…
    Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass Russisch zu den Weltsprachen gehört, die man kennen MUSS. Denn auch kulturell hat Russland wesentlich mehr zu bieten als beispielsweise die USA, die uns Deutschen ja seit der Wende 1989 als „großes Vorbild“ hingestellt werden. Und ich hoffe von ganzem Herzen, dass diese Wahrheit sich über kurz oder lang auch wieder in den Köpfen deutscher Bürgerinnen und Bürger durchsetzt. Noch sind es ja viele, die das genauso sehen wie ich…

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