„Gänsel und Gretel“ oder Warum Russen das „H“ komisch aussprechen!

von Anna Moenikes

Wer kennt nicht die Geschichte von Gänsel und Gretel? Nein, es handelt sich hierbei nicht um die kleine Gretel, die einen Gänserich spazieren führt, sondern um die russische Version des bekannten Grimm´schen Klassikers “Hänsel und Gretel”. Tatsächlich wird das Märchen im Russischen auch so geschrieben: „Гензель и Гретель“. Mit einem dicken, fetten kyrillischen “G”.

Schon öfter ist mir aufgefallen, dass “meine” russischsprachigen Ukrainer hartnäckig Wörter, die mit “H” beginnen “falsch” aussprechen. Nun bin ich keine Muttersprachlerin, also wer bin ich zu urteilen? Allerdings sehe ich mich zumindest bei deutschen Märchen in der Deutungshoheit und Hänsel heißt nun mal Hänsel. Mit einem mehr oder wenig zärtlich dahingehauchten “H”.

Auch die schöne Stadt Hamburg und analog dazu den Genuss eines Hamburgers verhöhnen meine russisch-Sprachler, indem sie von Gamburg “Гамбург” und Gamburger “Гамбургeр” sprechen.

Dafür nennen sie unsere Freundin Hanna “Channa” Ханна oder lassen jegliches H einfach weg und nennen sie direkt Anna, als ob ihr ihre Eltern das “H” nie gegeben hätten… Auch unseren Freund Hecke (Hektor) nennen sie kratzig “Checke” Хекке und wenn ich dies verwirrt anmerke witzeln sie, sie könnten ihn auch Gektor “Гектoр” oder Gecke “Гекке” nennen, wenn mir das lieber wäre. Dann kichern sie boshaft und amüsieren sich königlich.

Ich merkte schnell, dass ich bei der Klärung dieser sprachlichen Verwirrung auf mich selbst gestellt sein würde und machte mich ans Recherchieren. Irgendwo zwischen “Wikipedia” und “Russland Journal” lernte ich, dass Г bis ins 17. Jahrhundert auf zwei Arten ausgesprochen werden konnte. Wie [g] und wie [ɣ] in z.B. Che Guevara (hinten im Hals, nicht vorne . Von che [ɣ] zu Х [cha] war es dann wohl nicht mehr allzu weit. Es ist denkbar, dass die Aussprache der Wörter mit “G” sich dadurch in zwei Richtungen entwickelt hat. Bis ins 20. Jahrhundert setzte sich dann russlandweit die Norm durch, das “G” und Г wie [g] ausgesprochen werden sollten, wobei heute in südrussischen Dialekten wohl immer noch gerne X [cha] verwendet wird. Auch im ukrainischen Russisch wird sehr gerne Г wie X ausgesprochen. Beste Beispiele dafür sind голова (Kopf), welches “meine” Ukrainer wie “xолова” aussprechen, oder der berühmte ukrainische Schnaps горилка, welcher ebenfalls mit X, also als “xорилка” ausgesprochen wird. Übrigens erkennen unsere russischen Freunde daran recht leicht die Herkunft meines Mannes, obwohl er muttersprachlich Russisch spricht.

Im 20. Jahrhundert setzte sich dann eine neue Norm durch, die bis heute aktuell ist: fremdsprachige geografische und Eigennamen sollen nun im Russischen nach Möglichkeit so wiederzugeben sein, wie sie in der Originalsprache klingen. Demnach seien fremdsprachige “H”s mit dem russischen Buchstaben X wiederzugeben und sollten in etwa mit [ch] ausgesprochen werden.

Daraufhin wurden einige geografische Namen der neuen Norm angepasst, wie z.B. Hildesheim = Хильдесхайм, welches früher Гильдесгейм geschrieben wurde.

Bei einigen, seit langer Zeit bekannten und bereits zu geläufigen Namen und Orten wie z.B. der Stadt Hamburg (=Гамбург), dem Name des deutschen Dichters Heinrich Heine (= Генрих Гейне), dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl (= Гельмут Коль) und wohl eben auch unserem armen Hänsel (= Гензель) nutzte diese Norm jedoch gar nichts, da sich die “alte” Schreibweise und Aussprache bereits zu tief in die Köpfe eingebrannt hat.

Was bleibt uns Russisch Lernenden also übrig? Wie meistens bei der unüberschaubaren Vielzahl russischer Besonderheiten, das allseits bekannte Lenin Zitat beherzigen: “Учиться, учиться и ещё раз учиться!!” (Lernen, Lernen und nochmals Lernen!!) und einmal mehr tieeeef in die Bücher schauen.

Mehr Geschichten, Landestipps und Rezepte rund um unsere ukrainisch-deutsche Familie findest du auf: www.falkenundadler.de – Dein Ukraine-Blog!

Foto: pixabay.com

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